Als
einziger Ort am Lago Maggiore ist Maccagno in zwei Ortschaften geteilt,
Maccagno Inferiore (Unteres Maccagno) und Maccagno Superiore (Oberes Maccagno).
Natürliche Trennlinie zwischen beiden Ortsteilen ist der Fluss Giona;
und die Namen beziehen sich auf den leichten Höhenunterschied. Maccagno
Superiore, nördlich vom Fluss, klammert sich an die Hänge des
Veddasca-Tals und kontrolliert den Talzugang. Im Süden säumt
Maccagno Inferiore die windstille Bucht, die hier einen natürlichen
Hafen bildet. Dieser geografische Unterschied hat auch die Geschichte
geprägt: Maccagno Inferiore war über Jahrhunderte kaiserliches
Lehen, wahrscheinlich seit dem frühen 13. Jahrhundert. Bis Ende des
17. Jahrhunderts blieb Maccagno Inferiore freie kaiserliche Reichsstadt
unter der Herrschaft der Familie Mandelli. Noch heute überragt ihr
Schloss die Altstadt. Von hier aus verteidigten sie die Sonderstellung
des Ortes, bis das Lehen an die Familie Borromeo überging. Maccagno
Superiore teilte dagegen das Schicksal der Nachbarstadt Luino: Es gehörte
zu den Lehen der „vier Täler“ unter der Herrschaft von
Luino und wurde von verschiedenen Familien regiert. Unter der Herrschaft
der Familien Marliani (1583 bis 1773) und Crivelli (ab 1773) erlebte es
eine Periode relativer Stabilität bis zur Auflösung der Feudalstrukturen
und dem Übergang zu modernen, monarchischen und republikanischen
Staatsformen.
Maccagno Inferiore war einer der königlichen Höfe, die am Ende
des 1. Jahrtausends rund um den nördlichen Lago Maggiore verstreut
lagen. Zu diesen Höfen gehörte Cannobio am anderen Ufer, das wahrscheinlich
die Steuerhoheit auch über Maccagno innehatte. Am Ende des 9. Jahrhundert
splitterte sich Cannobio jedoch in kleinere Besitztümer auf. Vermutlich
wurde kirchlicher Besitz als Lehen an die De Mandello vergeben, die dadurch
in Cannobio an Einfluss gewannen. Ende des 12. Jahrhunderts bekleideten
sie bereits wichtige öffentliche Ämter, die um das Jahr 1210 von
Otto IV. bestätigt wurden. Die großzügige Vergabe von Lehen
und Vorrechten war nicht uneigennützig: Aus der einst anti-kaiserlich
gesinnten Familie Mandelli wurden treue Anhänger des Kaisers. So sicherte
sich Otto IV. die Kontrolle über den See, einem wichtigen Verkehrsweg
zwischen der Po-Ebene und den Alpen.
Nach dem Tode von Giovanni Mandelli, der ohne Erben geblieben war,
wurde das Lehen zur Versteigerung ausgeschrieben und vom Wiener Baron Johann
Walderode ersteigert. Ein Nebenzweig der Familie Mandelli konnte es 1679
zurückgewinnen und sich noch ein paar Jahre an der Macht halten. Maccagno
erlebte dank der Mandelli eine Zeit relativen Friedens und Wohlstands. Der
Ort blieb von den Mailänder Zöllen befreit und durfte mit Konzession
von Kaiser Karl V. – erteilt im November 1536 in Genua – einen
eigenen Markt abhalten. 1622 wurde auch das Münzprägerecht kaiserlich
gewährt. Damit war Maccagno Inferiore im 17. Jahrhundert der einzige
Ort am Lago Maggiore mit eigener Münzprägestätte.
Im Jahr 1692 ging das Lehen an die Familie Borromeo über. Etwas über
ein Jahrhundert später konnte niemand mehr Napoleon aufhalten, der
Jahrhunderte alte Institutionen und ganze Staaten mit sich riss und auch
nicht vor dem kleinen, aber glanzvollen Lehen halt machte. Nach der Italienischen
Einigung endete das kaiserliche Maccagno unter der Verwaltung von Maccagno
Superiore, das aufgrund seines größeren geografischen Gebietes
zum Sitz der Gemeinde erwählt wurde.
Maccagno Superiore erlebte keinen vergleichbaren Aufschwung. Die
lokale Produktion (Sägereien, Mühlen, frühindustrielle Nagelfabriken
und kurioserweise eine Spielkartenfabrik) blieb bescheiden, und der Handel
litt unter der Konkurrenz größerer Zentren, allen voran Luino.
Besseren Ertrag gaben die Böden: So erzielte Maccagno Superiore in
der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts den höchsten Ertrag „pro
Stange“ im gesamten Valtravaglia, wie im österreichischen Kataster
verzeichnet ist. Besonders der Wein gedieh an den sonnigen Hängen des
Val Veddasca. Steile Terrassen wurden angelegt, um Boden zu gewinnen. Sie
prägten nachhaltig die Landschaft der Täler mit ihren Stufen,
auf denen Olivenbäume, Weinstöcke, Maulbeerbäume, Obst- und
Nussbäume kultiviert wurden. Die Kastanien blieben das Hauptnahrungsmittel
und wurden zum Teil bis nach Mailand exportiert. Der See wurde in erster
Linie als Wasserstraße und weniger zur Fischerei genutzt. Der Fluss
Giona war nicht schiffbar, diente aber dennoch als Transportweg für
Holz, das tief im Tal geschlagen, zum See transportiert und weiter nach
Mailand und Pavia verschifft wurde. Der Fluss diente auch zur Bewässerung
der Felder am weitläufigen Delta, und viele Abzweigungen speisten Hammerwerke,
Mühlen und Sägewerke. Dennoch reichte es nicht zum Leben: Über
Jahrhunderte waren die Einwohner besonders der entlegenen Orte des Veddasca-Tals
zur Emigration gezwungen – und sie mussten einen Beruf ergreifen:
Sie wurden Maurer. Wie ein Großteil des Voralpengebietes hat das Valtravaglia
eine Strom von Handwerkern hervorgebracht: Bauleiter, einfache Maurer, Steinmetze,
Marmor-Steinmetze, Zimmerleute, Stuckateure...Aus Generationen von anonymem
Handwerkern gingen oft große Talente hervor. Das Veddasca-Tal war
das wohl größte Reservoir einheimischer „Maurermeister“.
Maccagno ist die Geburtsstadt eines der bedeutendsten neoklassischen Architekten
Italiens: Ferdinando Ausano Caronesi. Er wurde 1794 als Sohn des Baumeisters
Giovanni und Enkel des Baumeisters Antonio Bolognini geboren, dessen Cousins
Ferdinando und Andrea Mauer waren; sie alle stammten aus Veddo. Caronesi
war zu seinen Lebzeiten ein anerkannter Architekt und hat auch in der jüngsten
Kunstkritik viel Beachtung erfahren. Auch in seiner Heimat hinterließ er
Zeugnisse seines Schaffens. In den Wintermonaten, wenn die Baustellen ruhten,
kehrten die Emigranten zurück und investierten das auswärts verdiente
Geld in ihren Heimatorten. So trugen sie zum Wohlstand der Gemeinden bei,
spendeten Geld für Schulen, Kirchen und öffentliche Bauwerke und
verbreiteten die in fernen Städten erworbene Kultur. Viele arbeiteten
auf den heimischen Baustellen, den Kirchen. Die Kirchen von Maccagno stellen
ein doppeltes Kulturgut dar: Kunst und Leben sind darin vereint.
Maccagno erlebte nicht den industriellen Aufschwung, der im 19.
Jahrhundert, an der Schwelle des modernen Zeitalters, das Gebiet im Valtravaglia,
in Luino und Germignaga prägte. Der Ort litt unter den schlechten Verkehrsverbindungen
(die Straße Luino-Maccagno-Schweizer Grenze wurde erst 1914 fertiggestellt)
und der Parzellierung des Geländes: Die wenigen ebenen Grundstücke
waren für die Landwirtschaft oder die ersten großen Villen bestimmt.
So konnte Maccagno – mit wenigen Ausnahmen - kein fremdes Kapital
anlocken, um die Industrialisierung in großem Stile anzukurbeln.
Die Eröffnung der Gotthard-Bahn im Jahr 1882 kam wie gerufen, um Touristen
nach Maccagno zu locken. Zahlreiche elegante Villen mit dunklen
Parks säumten
nun die alten Ortskerne, vor allem in Maccagno Inferiore. Die Besitzer
waren meist Mailänder, viele stammten ursprünglich aus Maccagno
oder hatten in Emigrantenfamilien eingeheiratet. Von „schönen,
heiteren Orten“ schwärmte zum Beispiel die Dichterin Ada Negri,
die in Veddo ein Haus besaß und von dort gerne nach Bruganten spazierte,
dem kleinen Oratorium aus dem 18. Jahrhundert mit seinem schattigen
Kirchplatz. Es fehlte auch nicht ein Hauch von Belle Époque. Jugendstil-Dekorationen
schmückten die Wände auch der weniger luxuriösen Hotels,
Restaurants und Ballsäle. 1912 eröffnete das Caffè Ristorante
Italia einen Saal für Theateraufführungen. Viele Hotels und Privathäuser
prunkten mit geschwungenen Giebeln, zementgegossenen Blumen und
Statuen. So mancher kam auf die Idee, den wachsenden Strom von Touristen
in die Berge
zu locken, baute Hotels und Restaurants und träumte von gewaltigen
futuristischen Seilbahnprojekten. Die meisten dieser Unternehmen
scheiterten jedoch. Das Veddasca-Tal konnte sich seine Ursprünglichkeit
erhalten, die heute dank der Wiederentdeckung lokaler Erzeugnisse eine wertvolle
Ressource
für einen gewandelten Tourismus darstellt.
Ein illustrer Gast in jener Zeit war die Gräfin Camilla Margherita
di Montesquieu Trombetti. Es ging das Gerücht, sie sei ein illegitimer
Spross des Königshauses. Ende des 19. Jahrhunderts bezog sie eine Villa
auf dem Felsvorsprung Ronco Scigolino nördlich von Maccagno, um sich
ihren Studien zu widmen. Sie betrieb ethnografische Forschungen und sammelte
lokale Legenden, die sie zum Teil fantasievoll ausschmückte. So erzählte
sie von einem mittelalterlichen Benediktinerinnen-Kloster auf dem Gelände
ihrer Villa, das berühmte Pilger wie den König von Dänemark
beherbergt haben soll. Sie unternahm zahlreiche Bootstouren auf dem See.
Viele mysteriöse Geschichten kursierten über die Gräfin:
So soll der König von Belgien ihre Villa als geheimes Liebesnest genutzt
haben. Ihre Aktivitäten mögen romantisch und extravagant erscheinen,
doch bleibt ihr Verdienst, sich der Erforschung ihrer Wahlheimat gewidmet
und ihr eine Stimme verliehen zu haben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die großen Parkflächen in viele
kleine Parzellen aufgeteilt, auf denen ausländische Gäste ihre
Ferienhäuschen bauten. Erst dieses gleichförmige Raster von Bauten
ließ Maccagno Superiore und Maccagno Inferiore schließlich zusammenwachsen.
In jüngster Zeit konzipiert wurden die Seepromenade und das Museum,
das den Fluss Giona wie eine Brücke überspannt. Das Museum Civico
Museo Parisi-Valle verfügt über erstklassige Ausstellungsräume
in einem kühnen architektonischen Entwurf, mit dem der Architekt Maurizio
Sacripanti 1990 den Preis „In/Arch“ gewann. Das Museum bildet
so eine kulturelle Brücke, welche die Eigenheiten der zwei Ortsteile
respektiert und sie zugleich miteinander vereint. Maccagno - einst kaiserlich
und königlich, heute Inferiore und Superiore – bewahrt ein doppeltes
Kulturerbe der Menschen und ihrer Geschichte.
Entnommen "Invito a Maccagno" von Federico Crimi